Ein Tag wie jeder andere im Jahr 2035
Es geschah an einem Tag im Jahr 2035, der wie jeder andere Tag war. Clyde verspeiste den Rest Müsli. Clyde aß morgens nie Fleisch. Er war ein Profi und hielt sich fit. Man sah es seinem Körperbau an, der sehr athletisch für seine Körpergröße von nur 160 Zentimter war. Clyde nahm eine Zigarre aus seinem Zigarrenetui und zündete sie an. „Du solltest weniger rauchen, Liebling,“ sagte Bonnie, „es verdirbt deine Konstitution.“ „Quatsch! Das ist Training. Tränengas inhaliere ich inzwischen 5 Minuten ohne Gasmaske.“
Clyde griff unter den Küchentisch und holte ein Stoffbündel hervor. Auf dem Küchentisch wickelte er die Maschinenpistole aus und zerlegte sie in wenigen Sekunden. Er entfettete den Lauf und kontrollierte alle Teile, dann setzte er sie zusammen und schob das Magazin ein. Stolz betrachtete Clyde die Waffe. Eine Sonderanfertigung. Bonnie hatte sie ihm zu Weihnachten 2032 geschenkt. Clyde schnallte das Halfter mit dem Kampfmesser an seinen Unterschenkel, während Bonnie die Spitzen einiger Patronen abfeilte. Clyde füllte ein Wasserglas mit Whiskey. Er brauchte vorher immer etwas zur Beruhigung. Vor einigen Jahren hatte er die Tranquilizer vom Doc genommen, aber sie halfen nicht. Bonnie schob die Dumm-Dumm-Geschosse in die Trommel ihres Colts. Sie steckte den Schlagring in die Tasche der Kostümjacke und kontrollierte den Koffer mit den Handgranaten.
„Fertig?“ fragte Clyde. Nach dem Whiskey, den er ex getrunken hatte, war er ruhig wie immer. „Fertig“, bestätigte Bonnie. Sie setzte eine große, dunkle Sonnenbrille und einen Hut auf. Ihr Gesicht war kaum noch zu erkennen. Clyde zog die kugelsichere Weste an, dann band er die Krawatte um. Er hasste Krawatten, aber diese Spezialanfertigung war eine als Krawatte getarnte elastische und sehr brauchbare Handfessel. Clyde setzte seinen breitkrempigen schwarzen Hut auf und zog ihn tief in die Stirn. Er hasste Hüte, so wie er Krawatten hasste, aber auch dieser Hut war eine Spezialität mit einer Einlage, die jeden harten Schlag dämpfte.
„Es kann los gehen“, sagte er und nahm seine Tasche. Sie gingen zur Garage. Bonnie lenkte die schwere, schwarze Limousine mit den getönten Scheiben. Sie fuhr langsam und besonnen. Auf der Haupstraße war plötzlich ein Streifenwagen hinter ihnen. Der Streifenwagen überholte, der Polizist auf der Beifahrerseite hielt die Kelle raus. „Mist, wir dürfen uns nicht lange aufhalten lassen, sonst kommen wir zu spät.“ Der Polizist stellte sich neben die Fahrertür. „Allgemeine Verkehrskontrolle, zuerst die Papiere, dann Warndreieck und Sicherheitsweste vorzeigen. Steigen Sie bitte aus, gnädige Frau und öffnen Sie bitte den Kofferraum.“ Der Polizist achtete nicht auf den Geigenkasten mit dem Maschinengewehr, er interessierte sich nur für das Vorhandensein eines Reservereifens. „Gute Fahrt!“ wünschte der Polizist, als er Bonnie die Papiere wieder aushändigte. Bonnie wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor sie weiter fuhr. „Nervös geworden?“ fragte Clyde. „Nein, es ist nur etwas warm heute.“
Nach 10 Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht. Der Fußgängerüberweg vor dem großen, flachen Gebäude war sehr voll. Bonnie hauchte Clyde zwei flüchtige Küsse auf die Wangen und sagte „Machs gut! Du weißt ja, was passiert, wenn du versagst!“ „Ja, das weiß ich nur zu gut“, antwortete er mit grimmigem Gesicht. „Aber du kennst mich ja. Ich bin ein Profi, ein Profi macht keinen Fehler.“
Clyde nahm seine Tasche und stieg aus. Er ging um die Limousine, schob den Kopf durch das Autofenster zu Bonnie und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du weisst, was du zu tun hast, wenn ich nicht wieder raus komme!“ „Ja, das weiss ich!“ Clyde glaubte eine Träne in Bonnies Augen zu sehen. Er drehte sich um, sah sich in alle Richtungen um, dann ging er schnell und entschlossenen Schrittes auf das flache Gebäude zu.
Wie verabredet fuhr Bonnie sofort wieder ab und hielt in einer Seitenstraße. Sie betrachtete den Zeitplan und ging einkaufen. Es würde ein paar Stunden dauern, bis Clyde alles erledigt hatte. Nach dem Einkaufen trank Bonnie einen Kaffee. Sie schaute auf die Uhr. 10 Uhr 45. Bonnies Hände zitterten. Nun war es soweit, hoffentlich versagte Clyde auch diesmal nicht. Noch eineinviertel Stunde. Alles schien nach Plan zu laufen. Bonnie vertrieb sich die Zeit und betrachtete die Auslagen der Boutiquen. Um 12 Uhr piepste Bonnies Handy, sie las die SMS. „Alles okay, keine Zwischenfälle. Ich komme jetzt wieder raus.“
Bonnie eilte zur schwarzen Limousine, tauschte die Nummernschilder in einer Tiefgarage aus und fuhr zum vereinbarten Treffpunkt. Clyde wartete in der Seitenstraße an einer Bushaltestelle und stieg schnell ein. Bonnie gab Gas und raste wie der Teufel, in den Kurven auf zwei quietschenden Reifen.
„Wie war es, Liebling?“ fragte sie. „Ein ruhiger Tag, in der großen Pause gab es heute nur zwei Schwerverletzte und drei ohnmächtige Mädchen. Die Mathearbeit begann pünktlich ab 10 Uhr 45. Ich habe alles richtig. Der Pauker hat genau die Aufgaben gestellt, die du in dieser heißen Nacht bei dem Langeweiler abfotografiert hast. In der letzten Stunde gab es einen langweiligen Vortrag über Gewalt auf dem Schulhof und wie man sie vermeidet. Ein Glück, dass wir nun bewaffnet zur Schule gehen dürfen, um nicht wehrlos gegen Amokläufer zu sein.“ „Ja“, pflichtete Bonnie bei, „das spart viel Zeit, früher mussten wir immer nach Hause zurück, um die Ausrüstung zu holen.“
Bonnie bremste abrupt ab, die Reifen qualmten. Blitzschnell rannte Clyde in die Bank, während Bonnie das MG aus dem Kofferaum holte, um Clydes Rückzug zu decken. In der Bank fiel kein Schuss, bevor Clyde heraus rannte, warf er Nebelgranaten. Bonnie verstaute das MG in den Kofferrraum und schwang sich hinter das Steuer. ‘Ein Glück, dass Kinder heute schon so früh selbstständig sind und ihr Geld selbst verdienen können’, dachte sie, ‘Als allein erziehende Mutter kommt man ja sonst nicht zurecht, das Kindergeld ist viel zu wenig!’
Bonnie trat das Gaspedal tief durch, bevor Clyde die Beifahrertür zuschlagen konnte. Sie gab so heftig Gas, dass sich Clydes Magen umdrehte. Clyde zählte die Beute, während Bonnie die Limousine im Zickzack durch die Reihen der Autos prügelte. „Hier, für dich, Mutti!“. Clyde warf ein Bündel Scheine auf ihren Schoss, dann sortierte er den Rest: „Ein Bündel für Omis Altenheim, ein Bündel für den Kindergarten, der geschlossen werden soll, weil die Knete fürs Personal angeblich fehlt. Ein Bündel fürs Jugendzentrum, für das die Stadt keinen Cent mehr ausgeben will. Ein Bündel für unsere Lehrer, für private Fortbildungsmaßnahmen, weil die an der Uni nichts gelernt haben. Ein Bündel für die Uni, zur Finanzierung des Forschungsprojektes Familienkriminalität und ihre politischen Ursachen. Ein Bündel für die Sozialministerien für ein Fernstudium auf einer Sonderschule.“