Die Schöpfung

Der alte Mann langweilte sich sehr. Er setzte den schwarzen König mit der weißen Dame und dem weißen Springer matt. „Dummes Spiel“, murmelte er, „warum heissen diese Figuren König, Dame und Pferd, wenn es überhaupt keine Könige, Damen und Pferde gibt?“ Er konnte sich nicht mehr an den Grund erinnern. Seit seiner Jugend spielte er Schachpartien gegen sich selbst. Sein Augenlicht hatte sich verschlechtert und er sah die Figuren in der Dunkelheit nicht mehr gut.

„Ich brauche Gesellschaft“, murmelte er in seinen langen weissen Bart, „und vor allem erst einmal Licht. Licht, woher bekommt man bloß Licht?“ Er blätterte im Branchenbuch. „Eureka! Das ist es!“ Horus, altägyptische Lichtinstallationen weltweit. Der alte Mann griff zu seinem Großtastenhandy und Horus versprach, sofort einen Elektriker zu schicken. Um 22 Uhr 55 war der Elektriker fertig und ging. Der alte Mann schmiedete Pläne für die nächsten sechs Tage und wollte sie aufschreiben, als das Licht um 23 Uhr plötzlich wieder aus ging. „Unzuverlässige Handwerker“, murmelte der alte Mann und beschwerte sich beim 24 Stunden Telefonservice von Horus. „Das liegt nicht an uns“, sagte der freundliche Mitarbeiter von Horus, „haben Sie noch nie vom Energiesparen gehört? Nachts wird das Licht immer abgeschaltet.“

Der alte Mann hatte eine Idee, wie er das ändern konnte. Nun war er aber müde und legte sich in sein Himmelbett. Kaum hatte er die Nachtmütze aufgesetzt, nieselte es und er änderte seine Pläne für den nächsten Tag.

„Ich brauche ein festes Dach über dem Kopf.“ Er blätterte wieder in den Gelben Seiten. „Ah, hier bin ich richtig, Hephaistos, Architekt und Maurermeister.“ Um zehn Uhr war der Baumeister bereits zur Stelle und sie besprachen gemeinsam die Baupläne. „Wie lange wird das dauern?“ „Oh, nicht sehr lange, heute abend bin ich fertig, nur Wunder dauern etwas länger.“ Hephaistos nahm den Baldachin des Himmelbetts zum Vorbild und errichtete bis zum Abend ein schönes Himmelsgewölbe. Für den Bau brauchte er genau 8 Stunden, 10 Flaschen Bier und sechs Schmalzstullen. Dann verabschiedete er sich mit den Worten „Den Stuck bringe ich morgen an, die Gewerkschaft hat etwas gegen Überstunden.“

Am dritten Tag wischte der alte Mann den Boden auf, auf dem noch überall Wasserpfützen aus der Zeit standen, als er kein Dach über dem Kopf hatte und es reinregnete. Nun hatte er einen Trockenbereich und einen Nassbereich in seiner Wohnung. Als er sich einen Tee kochen wollte, klingelte es. Vor der Tür stand ein Mann, der ein seltsames, weißes Ding auf dem Kopf hatte. „Was willst du?“, fragte der alte Mann. „Ich bin Geb, ein Hausierer, ich will dir etwas verkaufen.“ „Was sind das für eigenartige Körner?“ „Weiß ich nicht, man steckt sie in den Boden oder wirft sie ins Wasser und erlebt eine Überraschung.“ „Sind sie teuer?“ „Oh nein, ganz billig.“ „Ich nehme zwei Packungen. Nach so vielen Jahrtausenden der Langweile war dem alten Mann jede Überraschung recht. „Was ist das da auf deinem Kopf?“ „Eine Gans.“ „Was ist eine Gans?“ „Ein Tier.“ „Hm, hm“, murmelte der alte Mann, das muss ich mir für später merken.“

Der alte Mann verstreute die Körner in seiner Wohnung, steckte sie in den Boden und warf sie in die Wasserpfützen. Als es dunkel wurde, hatte sich seine Wohnung in einen Dschungel mit weiten Steppen verwandelt. Er notierte in sein Tagebuch „Rasenmäher und Kettensägen erfinden.“

Der alte Mann legte sich in sein Bett und las noch einige Minuten in einem Comic, dann ging das Licht wieder aus. „Ach hätte ich doch auch des Nachts Licht“, überlegte er. Kaum hatte er ausgesprochen, stand eine gute Fee vor seinem Bett. „Du hast drei Wünsche frei!“ „Laternen! Ich will nachts Beleuchtung haben.“ Die Fee schwang den Zauberstab und pünktlich um 0 Uhr 01 am vierten Tag standen Sonne, Mond und andere Sterne am Himmelszelt. „Das ist zu hell“, murrte der alte Mann. Die Fee schwang den Zauberstab erneut und die Sonne ging aus. „Für tagsüber wäre das helle Licht doch sehr brauchbar“, murmelte der alte Mann. „Okay, um 5 Uhr früh knipps ich die Sonne wieder an“, sagte die Fee und schon war sie wieder verschwunden.

„Heute ist Freitag“, sagte der alte Mann zu sich selbst, als er am fünften Tag aufstand, “am Freitag könnte man Fisch essen, wenn man einen hätte.“ Er ging zum Markt, wo die Marktfrau Artemis Katzen, Skorpione, Hirsche und Bären feil bot. „Hm“, sagte der Mann, „die kaufe ich, bring sie mir morgen vorbei, ich habe einen weiten Weg und möchte nur ein paar Fische mitnehmen.“ Artemis gab dem alten Mann einige Fische und sagte „Gänse und andere Vögel sind heute im Sonderangebot.“ „Okay, davon nehme ich einige mit.“

Am sechsten Tag fuhr der Wagen von Artemis Lieferservice vor und brachte die Katzen, Skorpione, Hirsche und Bären. Einige Dinosaurier und andere Kreaturen wurden auch abgeladen. „Die habe ich nicht bestellt“, sagte der alte Mann, „aber sie gefallen mir sehr gut und so habe ich auch etwas, was ich später aussterben lassen kann.“ Der Mann brachte die Tiere in seinen Urwald und setzte die Fische, die er später verspeisen wollte, in einem seiner großen Teiche, die er Atlantik und Pazifik nannte, aus, dann schaute er bei den Mitarbeitern vom Landschaft- und Gartenbau vorbei. Sie waren mit dem großen Garten fast fertig und pflanzten gerade einen Apfelbaum ein.

Der alte Mann ging in den Keller. „Und wie schaut es bei dir aus?“ „Sie haben noch große Fehler, ich glaube, das wird eine Fehlkonstruktion, aber wir können einen Testlauf wagen“, sagte der Arzt. „Okay, führ sie vor.“ Der alte Mann fand die beiden Tierchen possierlich, sie konnten sprechen und reden, so wie er selbst, tanzen und singen, was der Alte seit dem Beginn seiner Gicht und Stimmbandprobleme nicht mehr konnte. „Oh, davon kann ich noch mehr gebrauchen“, sagte der alte Mann, „sie scheinen sehr gelehrig zu sein und werden mich gut unterhalten. Ich werde sie Adam und Eva nennen.“ „Freut Euch nur nicht zu früh“, sagte Dr. Frankenstein als er sich verabschiedete. Der alte Mann führte Adam und Eva in den schönen großen Garten und verabschiedete sich von ihnen mit den Worten „Spielt jetzt brav im Garten und vermehrt euch.“ „Gib uns ein Aufklärungsbuch, damit wir wissen, wie das Vermehren funktioniert“, forderte Adam. „Dafür ist jetzt keine Zeit, ihr werdet es schon herausfinden, sobald ihr alleine seit.“ In Gedanken versunken ging der alte Mann zurück, er wollte im Himmelbett Mittagschlaf halten. „Aufklärung, Aufklärung… Was mag das nur sein?“ Er blätterte in seinem Terminkalender. „Ja, hier, 18. Jahrhundert n. Chr., da habe ich wieder Zeit.“ Er trug in sein Notizbuch ein „Erfindung des Zeitalters der Aufklärung nicht vergessen.“

Am siebten Tag war der alte Mann von den Aufregungen der Woche sehr müde und schlief fast den ganzen Tag. Als er am Montag Morgen nachsehen wollten, was Adam und Eva im großen Garten trieben, hörte er schon aus weiter Entfernung Streit und Zank. „Was ist los?“ fragte er. „Sie meint, ich soll mir eine Arbeit suchen, Geld verdienen und mich vom Tellerwäscher zum Millionär hocharbeiten.“ „Warum? Ihr seit im Paradies, hier habt ihr alles, was ihr braucht.“ „Dass ich nicht lache“, keifte Eva, „wir schlafen im Gras und hier ist jede Menge Platz für eine Villa, neben die man eine große Garage für zwei Autos bauen könnte. Ich habe keine Schuhe und kein Abendkleid, ja nicht einmal einen Morgenmantel. Meine Haare sind vom Schlaf unter dem Apfelbaum verstrubbelt . Ich muss sofort zum Friseur gehen. Wir haben die ganze Nacht durchgemacht, weil das Vermehren so viel Spaß macht, schau mal an, wie ich nun aussehe! Ich brauche Make-Up, Eyliner, Lippenstift, ein Deo gegen den Schweißgeruch und eine Handtasche, in die ich diese Utensilien verstauen kann. Außerdem habe ich wahnsinnigen Hunger. Von diesem Apfel, den uns die Schlange empfohlen hat, bin ich nicht satt geworden. Ich will eine Einbauküche, einen Kühlschrank, einen Gartengrill und Gefriertruhe haben. Wenn die Nacht erfolgreich war, kriege ich in 9 Monaten ein Baby. Ich brauche Strampelhosen, einen Kinderwagen, eine Kinderrassel, Bilderbücher und ein Kindermädchen, das auf den Kleinen aufpasst, während ich vor dem Fernseher sitze. Mein Mann schaut gerne Sportsendungen, aber weil er tagsüber arbeiten muss, wird er nicht Fernsehen können. Wir könnten mit einem Videorecorder anfangen und später auf einen DVD-Recorder updaten.“

Der alte Mann war empört über soviel Undank und jagte Adam und Eva aus dem großen Garten. „Seht zu, wie ihr zurecht kommt!“ rief er hinterher. Ab und zu sah er nach, wie es den beiden erging. Als der alte Mann seinen ersten Besuch bei Adam und Eva abstattete, saßen die beiden Jungs – Eva hatte inzwischen zwei Söhne – vor Steintafeln mit gewaltverherrlichenden Darstellungen. Als der alte Mann seinen zweiten Besuch abstattete, waren sie zu dritt. „Nanu, wo ist denn der andere Junge?“ Alle drei ducksten lange herum, dann gaben sie kleinlaut zu, dass der ältere Kain seinen jüngeren Bruder Abel erschlagen hatte. Niedergeschlagen kam der alte Mann nach Hause und murmelte „Was brauchen die neue Medien und DVD-Player, wenn schon die alten Medien so verderblich auf die Menschen wirken? Dieser Dr. Frankenstein hatte irgendwie Recht, sie haben einen schweren Konstruktionsfehler.“ Zu Haus angekommen, setzte er sich vor sein Tagebuch und machte den Eintrag: Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los. Ich fürchte, ich muss alle meine Pläne für die nächsten Jahrtausende ändern…

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