Loveparade 2010

Die Loveparade 2010 endete in einem Desaster mit 19 Toten und ca. 340 Verletzten. Und wie immer müssen “Verantwortliche” gefunden werden. Die Medien suchen bereits nach Sündenböcken bei der Polizei, den Veranstaltern und den Duisburgern Politikern, die die Veranstaltung genehmigten.

(Ergänzung vom 28. Juli 2010: Und Sündenböcke scheint es in diesem Fall wirklich zu geben. Immer mehr Fakten sprechen dafür, daß im Jahr der “Kulturhauptstadt 2010″ das weltweit größte Event dieser Art politisch gewollt war und die Imagepflege für das Ruhrgebiet wichtiger als Sicherheitsvorkehrungen war.)

Betrachten wir einmal die Fakten:

Bei der Loveparade in Berlin waren bis zu eine Millionen und mehr Teilnehmer dabei. Für die Loveparade in Dortmund 2008 wird die Teilnehmerzahl auf 1,5 Millionen geschätzt. Auch für Duisburg wird eine Teilnehmerzahl von 1 bis 1, 5 Millionen Menschen geschätzt.

Bereits diese Zahlen sollten jeden vernünftig denkenden Menschen zu der Überlegung führen: kann man eine Veranstaltung mit 1 bis 1,5 Millionen Teilnehmern in einer Stadt mit ca. 500.000 Einwohnern durchführen? Duisburg hat ca. 500.000 Einwohner und der Verkehr in der Stadt ist auch schon ohne großen Besucherandrang oft völlig überlastet.

Das Veranstaltungsgelände in Duisburg ist nach den meisten Angaben ca. 140.000 m² groß Die Zahl der Besucher, die zum Zeitpunkt der Tragödie auf dem Gelände waren, ist derzeit nicht exakt bekannt, verschiedene Schätzungen gehen davon aus, daß sich bereits Stunden vor den tragischen Ereignissen 350.000 Personen auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs aufhielten.

Das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs ist an der breitesten Stelle ungefähr 200 Meter breit, andere Stellen sind schmaler. Es ist ca. 1 Kilometer lang. Ohne Experte für Massenveranstaltungen zu sein, kann man bezweifeln, daß dieses Gelände geeignet ist, um eine Massenveranstaltung aufzunehmen, auf der sich voraussichtlich mehr als 250.000 Menschen gleichzeitig aufhalten werden.

(Ergänzung vom 31. Juli 2010: Betrachten wir die Fakten, habe ich diesen Abschnitt eingeleitet, als ich ihn schrieb. Auch das muss man nun, eine Woche dem Unglück relativieren. Inzwischen ist die Rede von gefälschten Besucherzahlen bei allen Loveparades, die im Ruhrgebiet stattfanden. Angeblich wurden bis zu dreimal höhere Besucherzahlen für die Loveparades im Ruhrgebiet veröffentlich – mit Wissen der jeweiligen Kommunen. Denen hohe Besucherzahlen für die Imagepflege willkommen waren.)

Die Medien und die Teilnehmer der Loveparade sind derzeit auf der Suche nach den Schuldigen. Als Schuldige werden bevorzugt ausgemacht: Veranstalter, die Kommunalpolitiker, die Polizei.

Liest man die Blogs, Kommentare der Raver zu Zeitungsberichten, die Forenbeiträge, so liest man fast immer dasselbe “Wir wollten einfach nur feiern… Und dann sowas.”

Fassungslosigkeit. Fassunglos muß man wirklichs ein, wenn man Augenzeugenberichte liest, wie den von einem 18-jährigen, der erstmals an einer Loveparade teilnehmen wollte, sinngemäß zitiert:

“Der Zug wurde immer voller, je näher wir nach Duisburg kamen, kurz vor Duisburg war der Zug so voll, daß wir völlig zusammengedrängt im Zug saßen und einige im Zug schon keine Luft mehr bekamen.”

Wer schon bei der Anreise zu einer überfüllten Spaßparty in der Konservendose sitzt und Luftmangel im Zug bekommt, sollte eigentlich im Alter von 18 schlau genug sein, sich auf Schlimmeres am Veranstaltungsort einzurichten. Vielleicht sogar klug genug, die Reise abzubrechen und nicht wie die Lemminge dahin zu laufen, wo alle hin laufen.

Ursache der Tragödie der Duisburger Loveparade ist nach derzeitigem Stand der Pressemeldungen eine Massenpanik am Ende des Tunnels.

Für das Ausbrechen einer Massenpanik ist keiner verantwortlich, auch dann nicht, wenn das Veranstaltungsgelände zu klein ist. Verantwortliche kann es nur für mangelhafte Sicherheitsmaßnahmen geben. Eine Massenpanik kann durch Umstände entstehen, die oft unvorhersehbar sind. Nach Ausbruch der Panik handeln die Menschen irrational. Und so lange die Panik noch vermeidbar ist, handeln sie wie die Lemminge “Dahin wo alle gehen, gehe ich auch!” Um den Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich den letzten Satz erläutern: Menschen, die noch noch in Panik sind und noch rational handeln können, heizen die Situation auf, indem sie nachdrängeln.

Genau das habe ich einmal selbst erlebt. Auf dem Zugangsweg waren bereits Menschen in Panik, laute Rufe waren auch hinte zu hören, wo menschen, die noch ausweichen konnten, nachdrängelten.

In den 90er Jahren fotografierten wir das Höhenfeuerwerk zum Abschluß der Düsseldorfer Rheinwiesenkirmes. Das war 1996 oder 1997.

Als das Feuerwerk zu Ende war, sagte ich zu meiner Frau, sie soll auf der Brücke warten, ich wollte noch auf der Kirmes einige Aufnahmen machen. Das war bei früheren besuchen der Kirmes nach dem Feuerwerk problemlos möglich. Ich ging am Nordufer der Oberkasseler Rheinbrücke den Weg runter. Von unten drängten viele Leute von der Kirmes runter, von oben wollten viele Leute auf den Kirmesplatz, viel mehr, als ich es aus anderen Jahren kannte.

Als ich fast unten, auf dem Kirmesplatz war, ging es nicht mehr weiter. es drängten immer mehr Leute entgegen in Richtung Ausgang. Es war unmöglich, den Kirmesplatz noch zu erreichen. Ich drehte mich um, und ließ mich von der von unten drängenden Menge wieder nach oben schieben und war zwei oder drei Minuten überzeugt, nach oben zurück geht es schneller.

Ich kehrte um und binnen weiterer zwei oder drei Minuten ging überhaupt nichts mehr, weil Menschenmassen in beide Richtungen drängelten. es dauerte keine drei Minuten, bis weiter unten Kinder kreischten und Frauen schrieen, Frauen und ältere Menschen riefen “Ich kriege keine Luft mehr!”

Und alle Leute auf dem Weg drängten in zwei Richtungen: wer auf den Kirmesplatz rauf wollte, drängte von oben, wer vom Kirmesplatz kam, drängte von unten. Alle brav hintereinander im Gänsemarsch, jeder nur dem Vordermann folgend. Im Dunklen war nicht viel zu sehen, aber alle bewegten sich nur auf dem schmalen Weg.

Ich fragte mich “Warum drängeln alle den Weg entlang? Links und rechts um mich müssen tauenden Leute aus Düsseldorf sein, die die Örtlichkeiten besser kennen als ich. Wieso weicht keiner auf die Wiese nach Links aus? Wieso versucht keiner, die Oberkasseler Brücke auf der rechten Seite zu unterqueren und auf der Nordseite der Brücke den Hand hochzusteigen?”

Die beiden Wiesen links und rechts von dem Weg nach oben bzw. unten waren menschenleer, nur auf dem Weg drängte siech die Masse immer dichter zusammen. Freilich war es sehr dunkel, die Wiesen kaum erkennbar.

Ich brauchte übrigens ungefähr 10 Minuten um mich nach links zur Hand durch zu arbeiten und den nach oben führenden Weg zu verlassen. Nur fünf Meter links des Wegs, auf dem alle in Panik waren und das Gedränge weiter zunahm, verteilten sich nicht einmal die Kirmesbesucher am Rand des Weges auf die Wiese, die genug Platz bot, dem Gedränge zu entweichen!

Wer nach der Tragödie der Duisburger Loveparade nach “Verantwortlichen” sucht, sollte zuerst einmal vor der eigenen Haustüre kehren. Spaß muß sein, Spaß macht es nur auf Massenveranstaltungen im allerdichtesten Gedränge! Der Spaß bringt Geld und Steuern und seit den 1990 Jahren werden in allen Städten Massenverarnstaltungen gefördert.

Jeder, der zu einer Massenveranstaltung geht, trägt selbst dazu bei, wenn die in einer Tragödie endet. Jeder, der sich dort aufhält, ist ein Teil der Masse, der die Rettung im Fall eine Unglücks behindert.

Ein noch größeres Unglück als bei der Duisburger Loveparade ist auch bei kleineren Veranstaltungen denkbar und möglich.

Bochum Total war zum Beispiel in den Anfangsjahren eine nette Veranstaltung, bis sie immer mehr kommmerzialisiert wurde. 1997 hatten wir die Nase voll davon. Es gibt Schöneres, als an einem Samstag Nachmittag in einem Einkaufstraße von nur 100 Meter Länge, 40 Minuten bis zur Bühne zu laufen und eingezwängt wie in einer Konservendose durch die Straße zu latschen. Vor der Bühne am Engelbert Brunnen brach 1997 oder bei unseren Besuch von Bo Total im Jahr davor ein betrunkener Zusammen. Der Rettungswagen, der vom Südring kam, brauchte vom Südring über die Kortumstraße für 50 Meter ca. 10 Minuten, weil er nicht durch die Menschenmenge kam, die Einkaufstraße dermaßen verstopft war, daß die Menschen nur mühsam dem Rettungswagen ausweichen konnten.

Nun sind Sie dran mit Ihren Vorurteilen: wer ist Schuld, wenn der Betrunkene ums Leben kam? Der Betrunkene, weil er wie alle in einer Menschenmasse feiern wollte? Die Veranstalter, weil sie ein tolles Programm aufziehen, das mehr Menschen anlockt, als in eine ca. 20 Meter breite und 100 Meter lange Einkaufstraße passen?

Die Veranstalter von Bochum Total geben für 2010 eine Besucherzahl von ca. 770.000 Menschen in drei Tagen an, ob in vier Tagen des Events die Millionengrenze erreicht wurde, ist umstritten. 770.000 Besucher in drei Tagen macht rund 256.000 Besucher am Tag – in einer Stadt, die knapp über 400.000 Einwohner hat. Und das bei einer Konzentration der meisten Besuchern pro Tag auf eine schmale Einkaufstraße von ca. 100 Metern Länge.

Das dürfte eine größere Konzentration von Menschen auf die vorhandene Fläche sein, als es in Duisburg bei der Loveparade 2010 war. Bisher unfallfrei. Und wenn in den nächsten Jahren doch etwas passiert? Wer ist dann Schuld? Die üblichen Sündenböcke – Politiker, Behörden, Veranstalter, Polizei. Lemminge, die nur in Massen feiern können, sind immer unschuldig und merkbefreit, sie sind für nicht verantwortlich, außer dem eigenen Rausch.

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