Übervölkerung im Himmel

Große Konferenz im Himmel. Der Chef, Petrus und der Juniorchef nahmen an der Stirnseite des Konferenztisches Platz, ihre Mitarbeiter setzten sich links und rechts davon. Angela, die Chefsekretärin, goss Wasser in die Gläser. Das Wasser im Glas des Juniorchefs färbte sich sofort rot.

Petrus erhob sich und erstattete Bericht. „Der Himmel ist übervölkert! Wir nehmen seit einigen tausend Jahren fast jeden auf. Nun haben wir akuten Platzmangel. Noch 100 Neuzugänge und die Bude ist voll.“

Der ungläubige Thomas meldete sich zu Wort. „Vielleicht sind die Ergebnisse der Bevölkerungszählung falsch?“ „Das können wir völlig ausschließen“, entgegnete Petrus.

„Wir müssen die Ursachen erforschern“, meinte Helmholz, einer der Berater des Chefs. „Nur wer die Ursachen kennt, kann auch Abhilfe schaffen.“ „Die Ursachen liegen doch auf der Hand“, erwiderte der Juniorchef, „Vati hat jahrtausendelang alle reingelassen, die Ablass zahlten oder oft genug zur Beichte gingen. Ich habe Vati schon 1492 Jahre nach meiner Geburt gesagt, dass wir auf einige Päpste verzichten können. Genau gesagt war das am 25. Juli.“ „Oh ja, ich erinnere mich noch sehr gut“, sagte Petrus. „Das war an dem Tag, als ich diesen Innozenz VIII abweisen und zu unserem Kollegen im heißen Tiefpartere schicken wollte.“ „Das können wir nachholen“, schlug Jakobus Boanerges vor, „dann haben wir 101 freie Plätze.“ „Mit welcher Begründung sollen wir ihn nach so langer Zeit abschieben?“ wollte Philippus wissen. „Oh, Bruder“, antwortete Jakobus Boanerges, „uns liegt doch immer noch ein Haftbefehl und Auslieferungsgesuch von Scheitan vor. Die Kollegen im heißen Tiefpartere suchen ihn wegen Hexenverfolgung.“

„Ich hab da eine Idee“, warf Matthäus ein. „Wir nehmen eine sehr hohe Gebühr für die Neuaufnahme von Gästen, so hoch, dass sie kaum einer bezahlen kann. Ich habe früher gute Erfahrungen gemacht, als ich noch beim Zoll arbeitete. Wer den Zoll nicht bezahlen konnte, blieb draußen. Auf der Erde machen sie es noch heute so, mit hohen Schmiergeldern kommst du in jedes Amt, wenn du arm bist nur auf die Sonderschule. Asylsuchende schrecken sie mit Zäunen und Grenzkrontrollen ab.“

Thaddäus hatte eine Idee. „Den Vorschlag mit dem Abschieben finde ich sehr gut. Wir sollten die vielen Millionen Säufer in die Hölle abschieben, es war ein Fehler, ihnen zu vergeben. Wir hätten sofort wieder sehr viel Platz für neue Gäste.“ Der Juniorchef, der gerade an seinem Glas mit der roten Flüssigkeit nippte, verzog betroffen sein Gesicht. Judas Iskariot kicherte „Das geht nicht, der Juniorchef hat den Alkoholismus erfunden, als er Wasser in Wein verwandelte. Wir können niemanden bestrafen, wenn die Geschäfsführung einen Fehler macht.“ „Wieso bist du eigentlich hier und wieder im Team?“ stänkerte Andreas. „Vergebe deinem Nächsten, wie auch er dir vergibt“, konterte Judas Iskariot süffisant lächelnd, „Liest du die Bücher nicht?“ „Nein“, antwortete Andreas, „ich lese ungern diese Märchen und Legenden, die man später über uns niederschrieb. Keiner von diesen Journalisten und Romanciers war live dabei, aber sie wussten später besser als wir, wie es war.“ „Stimmt“, pflichtete Simon Zelotes bei, „Fernsehen ist viel realistischer als Zeitungsberichte und Bücher. Besonders, wenn sie eine Live-Reportage machen.“ „Genau“, stimmte Bartholomäus zu. „Nur schade, dass man es damals noch nicht ausstrahlen konnte, weil sich niemand einen Fernseher leisten konnte. Weiß übrigens jemand, wieso die TV-Reportage „Das Leben des Brian heisst“?“ „Das Leben des Brian ist doch keine Fernsehreportage“, gab Andreas zu bedenken, „das ist ein Dokumentarfilm.“

Petrus läutete die Glocke und rief zur Ordnung. „Meine Herren! Sie schweifen von unseren ernsten Problemen zu weit ab. Wir müssen eine Lösung finden, bevor der Hahn dreimal kräht.“

Bartholomäus unterbreitete seinen Vorschlag. „Als ich seiner Zeit in Indien predigte, redeten die Ungläubigen dort viel über die Wiedergeburt. Dem Chef ist nichts unmöglich, wir sollten einige auf die Erde zurück schicken, bis wir das Platzproblem gelöst haben.“

Nach einer ausführlichen Debatte, fasste Petrus die Ergebnisse zusammen. „Im heißen Tiefpartere ist noch sehr viel Platz. Unten ist die Einwohnerdichte gemessen an der Zahl der Sünden und Sünder viel zu niedrig. Wir übergeben also einige Herrschaften vorübergehend unserem Kollegen mit dem Pferdefuss. Auf der Erde sieht es übel aus, deshalb kann es nicht schaden, wenn wir andere Bewohner unseres Heimes zeitweise wieder auf die Erde senden, um die dort herrschenden Zustände zu verbesssern. Das ist gnädiger als eine achte Plage. Wir machen nun eine Pause und setzen die Konferenz um 16 Uhr fort. Matthäus wird bis dahin eine Liste vorlegen, wen wir zeitweilig aus dem Himmel entlassen.“

Als man sich wieder versammelte, verlas Matthäus die Namen der Herren und Damen. „Ich beginne mit denen, die wir ins heisse Tiefpaterre senden werden. Die aufgerufenen Personen treten bitte sofort hevor und gehen danach zum Fahrstuhl. Kollege Gabriel, lesen Sie bitte die Namen vor.”

„Martin Luther!“ schrie Gabriel. Luther trat vor. „Was ich? Wieso soll ich in die Hölle?“ „Abschaffung des Zölibats für die evangelischen Priester. Bruder Martin, du hast damit die Menschenvermehrung und den Platzmangel in unserem schönen Himmelsgewölbe vergrößert. Über Kirchenstreit wollen wir nicht reden. Streitsucht ist nicht unser Ding. Dann liegt hier noch eine Anzeige wegen Sachbeschädigung gegen dich vor. Am 31. Oktober 1517 hast du 95 Thesen ans Hauptportal der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen und dabei das Holz der Tür mit Nägeln beschädigt.“

„Urban, der Zweite!“ „Da tut man nun alles, um die Meinung des Chefs zu verbreiten und dann sowas“, maulte der Papst. „Und außerdem wollte ich nur Jerusalem zurück erobern.“ „Papperlapapp“, sagte der Chef. „Niemand hat dich mit einem Kreuzzug beauftragt. Schickt ihn auf die Erde und nicht in die Hölle, ins Jahr 1979 in die Hausbesetzerszene mit ihm, da ist er gut aufgehoben. Die Polizei kann sich besser wehren als die armen Seldschuken und wird ihm schon die Hölle heiss machen.“

„Wilhelm Posselt!“ Der Missionar trat vor und keuchte „Oh Chef, was habe ich getan, dass ich nun in die Hölle komme? Ich habe doch nur die Kaffern in Südafrika missioniert.“ „Paragraph zwei der Hausordnung: Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du hast ein Bild vom deutschen Kaiser auf deiner Wolke!“

„Adolf Hitler!“ Ein kleiner Mann trat vor und schrie aufgeregt „Gadden, dadden trumm! Murcks malla ör! Traaat, dat is ein fahrraht! Juchenwerg!“ „Was, den haben wir auch hier?“ flüsterte Andreas entgeistert. „Leider“, erklärte Matthäus. „Es fiel uns erst heute bei der Bestandsaufnahme auf.“ „Tut mir leid“, sagte Petrus betreten. „Als ich am 30. April 1945 an der Pforte stand, kamen so viele gleichzeitig, ich konnte sie nicht alle genau prüfen. Wir hatten damals den Lügendetektor noch nicht, deshalb fiel er nicht auf. Er weinte und sagte, man würde ihn verfolgen, da hab ich in rein gelassen.“

„Ludwig Erhard!“ Der ungläubige Thomas grinste Petrus an. „Bitte keine Ausreden. Als der kam, hatten wir den Lügendetektor schon.“ „Den hab ich damals reingelassen, weil wir ein Wirtschaftswunder dringend nötig hatten. Er versprach uns goldene Zeiten, bei denen wir gleichzeitig den Gürtel enger schnallen könnten.“ Ludwig hatte es sehr eilig, den Fahrstuhl zur Hölle zu nehmen und murmelte vor sich hin „Endlich komm ich hier raus, das Rauchverbot hält ja keiner aus. Da unten solls nach Schwefel stinken und vielleicht haben sie auch gute Zigarren. Mein Freund Franz-Josef soll auch da unten sein. Schicken Sie bitte den Georg hinterher, falls er noch nicht unten ist, zu dritt kann man wenigstens Skat kloppen.“

Nachdem Gabriel noch einige hundert Namen verlesen hatte, las er die Liste der Kandidaten vor, die eine zweite Runde auf der Erde drehen sollten.

„Johann Wolfgang von Goethe.“ „Ich protestiere! Was soll ich heute, im Jahr 2010 auf der Erde? Die Leute lesen nur noch Comics.“ „Denken Sie an Ihre Reise nach Italien, heute schreiben sie Pisa ohne S und mit zwei Z. Gebildete Menschen wie Sie sind auf der Erde dringend nötig.“ Johann Wolfgang flehte um Gnade. „Schicken Sie mich lieber zu Faust und Mephisto in die Hölle! Auf die Erde setze ich keinen Fuss mehr!“ Der Chef dreht den Daumen nach unten und sagte „Johann, du musst dich nur an die neuen Verhältnisse anpassen!“ Johann senkte den Kopf und ging zum Fahrstuhl, während er nach unten fuhr, tippte er auf seinem Organizer:

Der Nachtkönig / The Speedking

Wer tanzt so spät durch Nacht und Tau?
Es ist ein Junkie mit seiner Frau.
Er piekst die Nadel in ihren Arm,
Sie fasst ihn sicher, er hält sie warm.

Ey Alte, was knutscht du mein Gesicht?
Siehst, Liebling, du die Farben nicht?
Die Lichter mit Kron’ und Schweif?
Trotz Dope und Suff, hier ist was steif.

Sorry, ich brauch ne neue Dröhnung,
Später hats Zeit für ne Verwönung.
Wir gehen jetzt zum Asphaltstrand,
Da ist ein Dealer abgebrannt.

„Wenn ich unten ankomme,“ sagte Johann Wolfgang zu sich, “mach ich einen auf Rapper, die Verse machen sich als Sprechgesang bestimmt sehr gut.“

Gabriel rief den nächsten Kandidaten auf. „Der Juniorchef!“ „Was, ich? Nee, da spiel ich nicht mit, ich bin vor rund 2000 Jahren schon einmal zu den Banausen zurück gekehrt, die mich nicht haben wollten!“ „Du musst“, sagte der Chef herrisch, „mein Wille ist auch dein Befehl und es geht um das Wohl der Firma. Wir brauchen Knete für einen Anbau, um den Platzmangel in unseren himmlischen Gewölben zu beseitigen. Hier ist die Adresse von deinem Kontaktmann in Sizilien, er ist ein bewährter Geldeintreiber mit Verwandtschaft in Chicago. Auf der Erde läuft seit 1971 eine Nummer, die sie „Jesus Christ Superstar“ nennen, dafür treibst du die Tantiemen und unsere Urheberrechte bitte ein! Danach gehst du nach Brüssel zur EU, nach Berlin und zur Uno.“ „Was soll ich da, Daddy?“ „Die warten auf Wunder! Sie produzieren immer mehr Arbeitslose und wollen die Arbeitslosigkeit reduzieren. Sie machen sich die Hosen voll, weil das Erdklima kippt und die Polkappen abschmelzen, aber sie schicken immer mehr Besucher in Jets und auf Schiffen zur Besichtigung der letzten Eisberge in die Arktis und Antarktis und erzeugen mit diesen Sightseeingtouren mehr CO², als sie vermeiden könnten. Sie holzen den Regenwald ab und führen scheinheilige Debatten, wie man Tropenwälder rettet. Sie machen meine Arbeit von sieben Tage zunichte! Ich arbeite nicht gern umsonst und für Holzköpfe. Wenn die Dummköpfe nicht hören wollen, müssen sie fühlen. Sei radikal! Wie bei deiner Aktion Krämer raus aus dem Tempel.“

„Ooh, Daddy, an dieser Mission werde ich scheitern, ich habe fast 2000 Jahre lang kein Wunder mehr erwirkt, ich bin außer Übung!“ Der Juniorchef wischte seine Schweißstropfen von der Stirn, Chefsekräterin Angela goss Wasser ins Glas des Juniorchefs nach, sofort färbte sich das Wasser rot. „Laber nicht rum, mach dich auf die Socken“, murrte der Chef, „Den Trick, wie man Wasser in Wein verwandelt, haste ja auch noch drauf!“

Während der Juniorchef zähneknirschend den Aufzug bestieg, stand ein langhaariger, bärtiger Hippie auf und grinste den Chef an. „Söhne taugen nichts. Von mir kannste noch was lernen! Ich bin älter und erfahrener als du und habe nur Töchter! Wir machen jetzt einen drauf! Monsier Offenbach, lassen Sie aufspielen!“ Jacques schwang den Dirigentenstab, eine infernalische Musik ertönte und Klotho, Lachesis und Atropos, die Töchter des Hippies, tanzten den Can Can auf dem Konferenztisch bis dem Chef schwindelig vom Anblick der fliegenden Röcke und der Höllenmusik wurde, der Hippie lachte gellend, klopfte dem Chef auf die Schulter und meinte „Musst noch viel lernen! Das Schicksal hat uns in der Hand und nicht umgekehrt!“

Dieser Beitrag wurde unter With (Non)Sense 1 abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.